„Bin ich noch authentisch, wenn ich Sprechen und Stimme trainiere?“ – Ein Plädoyer für deine Inszenierung

„Bin ich noch authentisch, wenn ich Sprechen und Stimme trainiere?“ – Ein Plädoyer für deine Inszenierung

„Sei authentisch! Sei einfach du! Deine Stimme ist genau richtig, wie sie ist, sprich einfach los.“

so und ähnlich ist dieser Tage der Ruf nach Authentizität im Business zu hören.

Authentisch sein ist in. Keine Frage.

Ob Solopreneure, Blogger, Coaches. Jeder will authentisch rüber kommen. So lassen zumindest die Wertebekenntnisse auf zahlreichen Webseiten vermuten.

Und auch ich bin zu haben für die Echtheit.

Doch nun habe ich die Nase voll.

Ihr Blogger, Ihr Podcaster, Ihr Sprecher, Ihr Kollegen da draußen – lasst uns ehrlich sein. Wir Selbstständigen inszenieren uns alle. Nicht immer gern, nicht immer laut. Aber inszenieren schon.

Und das ist sogar erfreulich.

Als Inszenieren verstehe ich die Auswahl dessen, WAS ich von mir und WIE ich mich ZEIGEN will. Also Selbstmarketing, was jeder Unternehmer in der ein oder anderen Form betreibt.

Wir arbeiten am Design unserer Website – und inszenieren uns dabei.
Wir arbeiten an den Texten – auch eine Art der Inszenierung.
Wir arbeiten an unserer „Über mich“-Seite – eine Inszenierung.

Warum kommen so viele Solopreneure dann in einen Konflikt, wenn es darum geht, das eigene Sprechen und ihre Stimme auch zu inszenieren?

„Bin ich noch authentisch, wenn ich an mir, an meinem Sprechen, an meiner Stimme arbeite?“ so werde ich dann gefragt.

Ich möchte dir diesen Druck jetzt nehmen.

Mit der Mär der falsch verstandenen Authentizität aufräumen.

Dies ist ein Plädoyer für deine Inszenierung!

1. Befrei dich vom Druck der falsch verstandenen Authentizität.

Sabrina steht in meinen Räumen. Sie tönt mit ihrer Stimme, voll und im Brustton der Überzeugung. Es klingt fantastisch, so voller Kraft. Plötzlich unterbricht sie und sagt: „Oh nein, das bin ich nicht. So klinge ich doch gar nicht.“

Felix hält eine Minirede vor einer Gruppe. Die anderen Teilnehmer geben ihm das Feedback, dass er sich nicht vor der Rede entschuldigen muss. Er meint darauf hin: „aber so bin ich doch gar nicht, so unhöflich.“

Katrin will an ihrem Sprechen für einen Podcast arbeiten. Nachdem wir ihre Wünsche und Ziele besprochen haben und das, was sie bisher abgehalten hat, stockt sie: „ich bin eigentlich gar nicht so der laute Unterhalter, wie soll ich da einen Podcast sprechen?“

Sie alle vereint die Frage: bin ich noch authentisch, wenn ich ein neues Verhalten erlerne?

Meist äußern sie dies als feststehende Tatsache: Wenn ich so (= so laut, so tief, so melodiös, so rhetorisch überlegt, so eloquent … etc.) rede, bin ich nicht (mehr) authentisch.

Autsch. Das ist eine harte Begrenzung deiner Selbst.

Solch ein „authentisch sein“ macht logischerweise Druck. Druck aufgrund eines zu statischen Selbstbildes.

Was du tun kannst? Lass den Druck los, authentisch rüber kommen zu MÜSSEN. Und hinterfrage deine Glaubenssätze über dich selbst. Wie muss MAN sein? vs. Wie darfst DU heute sein?

2. Achte auf die Gefahren falsch verstandener Authentizität.

Ich möchte dich hier warnen. Warnen vor falsch verstandener Authentizität.

Kennst du Blogger, die du beeindruckend findest?

Endlich haben sie auch einen eigenen Podcast.

Du brennst darauf ihm endlich zu zuhören

– doch dann die kalte Dusche.

Du bist enttäuscht.

Du hattest ein so anderes Bild im Kopf von diesem Menschen.

Seine Stimme, Wortwahl und Sprechweise sind eben nicht er selbst. Sind nicht authentisch mit diesem Bild, was das geschriebene Wort vermittelt.

Ganz ehrlich? Mir geht es immer wieder so. Und ich finde es schade. Sehr schade.

Ich weiß dann nicht, wem ich glauben soll. Dem geschriebenen Text oder der Sprechweise und Stimme dieses Menschen.

 Wenn du mit deiner Sprechstimme NICHT deiner Schreibstimme entsprichst, dann …

  • … bist du (für deine Hörerschaft) gar nicht du. Deine Stimme lebt nicht dein Selbst. Deine Wirkung verpufft.
  • … verkraulst du deine Hörer mit deinen Sprechgewohnheiten und Macken. Die Wirkung verpufft.
  • … sendest du (unbewusst) Signale, die du gar nicht senden willst. Deine Wirkung nimmt eine Richtung ein, die du nicht mehr in der Hand hast.

Es liegt an dir, wie du rüberkommen willst. Es liegt an dir, wie du dies umsetzt, oder ob du das dem Zufall (bzw. deinen Sprechgewohnheiten) überlässt.

 Was du tun kannst? Kommuniziere bewusst! So wie du beim Schreiben auf Überschriften, Beitragslänge und Satzkürze achtest, achte beim Sprechen auf Melodie, Tonhöhe, Rhythmus deines Sprechens.

3. Finde dein passendes Selbst.

Authentisch ist in der Theorie leicht definiert. Ein Blick ins Lexikon verrät: Authentisch stammt aus dem Griechischen „authentikós“ ab. „Autos“ bedeutet selbst und „ontos“ sein. Selbst sein.

In der Praxis sieht das schon schwieriger aus. Wann bist du du selbst?

Wenn du deine Kinder ins Bett bringst?

Wenn du deinen Podcast sprichst?

Wenn du mit einem Freund in der Kneipe quatschst?

Wahrscheinlich bist du in jeder dieser Situationen du selbst, und doch zeigst du je eine andere Facette von dir.

Ebenso klingen dein Sprechen und deine Stimme je etwas anders. (Zum Glück, denn mit deinem „Ich-quatsche-mit-meinem-Freund-in-der-Kneipe“-Ton werden deine Kinder wohl kaum in den Schlaf finden.)

Schon schwieriger: Erlaubst du dir auch, dich in ein und der selben Situation zu verändern?Menschen, die ein statisches Selbstbild haben, stellen sich da oft selbst ein Bein.

Darf deine Stimme auch mal anders klingen, oder muss sie immer (d)einer festgelegten inneren Norm entsprechen?

Was du tun kannst? Frage dich, wie du beim Sprechen in deinem Business rüberkommen willst. Souverän? Überzeugend? Vertrauensvoll? Ich weiß. Authentisch natürlich. Aber wann bist du in deinem Business authentisch. Welche anderen Eigenschaften willst du zeigen? Wer willst du als Sprecher sein? Welche Sprecherpersönlichkeit willst du haben?

4. Wähle DEINE Authentizität zwischen zwei Polen.

Das mit der Authentizität ist ein bisschen wie mit dem Schminken. (Meine Herren, das ist nur ein Bild.)

Du musst es nicht tun.

ODER

Du kannst deinen Typ ganz natürlich betonen.

ODER

Du kannst übertreiben und siehst angemalt aus.

ODER

Du schminkst dir eine richtige Maske.

Person kommt von „personare“. Das bedeutet hindurch tönen.

Wie viel und was von dir soll in deinem Sprechen hindurch tönen?

Wir sind in unserem Inneren ein Orchester, nicht alle Instrumente muss man überall hören! Du darfst wählen welche.

Manche meinen wir seien nur authentisch, wenn wir nackt oder im Schlafanzug auf die Bühne treten. Das kann so sein. Muss es aber nicht. Kommt auf dein Business an und das, was du erreichen willst.

Letztlich gilt: Authentizität ist ein Kontinuum zwischen den Polen „privat“ (= nackt und ungeschminkt) und „Schauspiel“ (= verkleidet und mit Maske).

Immer geht es um die Frage zwischen Annahme der eigenen Macken (muss ich wirklich alle umarmen?) vs. Selbstoptimierung (muss ich alle abstellen?).

Wie weit darf die Selbstoptimierung gehen? Wieviele (akustische und rhetorische) Schönheits-OPs halte ich und hält mein Publikum aus, so dass sie mich darin noch erkennen?

Was du tun kannst? Dir überlegen, wie viel Schminke und Bekleidung du benutzen willst. Auch rhetorisch. Wie wenig du benutzen willst ebenso. Ganz ohne? Kann holprig klingen – oder authentisch.

 

5. Authentizität ist auch eine Frage der Übung

Ob du authentisch oder „zu gewollt“ rüberkommst, ist eine Frage des Übens.

In der Schauspielarbeit nach Stanislawski geht es darum, sich so lange in eine Emotion einzufühlen, bis sie echt wirkt. „Wie lange hast Du geübt, um authentisch zu sein?“ ist eine gängige Frage in jenem Business.

So ist es auch beim Erlernen einer neuen Verhaltensweise normal, dass es sich ungewöhnlich anfühlt und holprig daher kommt. Putz dir 30 Tage lang mit links (alle Linkshänder bitte mit rechts) die Zähne. Irgendwann wirst du Profi.

Am Anfang aber fühlt es sich (im besten Fall) sonderbar an.

Üben, um authentisch zu sprechen, beinhaltet einen weiteren Aspekt: Lass etwas weg.

Es geht mir in der Arbeit mit Klienten schon lange nicht mehr darum, etwas hinzuzufügen. Es geht bei den meisten Menschen darum, etwas wegzunehmen.

Manchmal sind es Ticks wie „ähm“ oder „genau“, die es sich lohnt wegzulassen. Manchmal geht es darum Verspannung oder Denkblockaden zu lösen, damit das (Klang-)Potenzial zum Vorschein kommt. 

Der Vorteil des Übens:

  • es bringt dir Freude am Sprechen
  • dir stehen mehr oder gar alle Facetten deines Stimminstruments zur Verfügung
  • du kannst die Stimmung deiner Hörer bewusst beeinflussen
  • dein Auftritt wird professionell

 

Was du tun kannst? Arbeite an deinem Sprechen und Stimme. Übe solange bis es dir wirklich leicht fällt und unbewusst nebenbei möglich ist. Du willst dich ja auf die Inhalte und nicht auf die Form konzentrieren müssen.

 

 6. Die Situation bestimmt was authentisch ist.

Was als authentisch erlebt wird, ändert sich. Es unterliegt Moden, macht an Landesgrenzen halt und hängt ab vom Kontext.

Vor einer kleinen Gruppe sprichst du im Idealfall anders als vor 100 Leuten. Schon allein in Bezug auf die Lautstärke.

Jemand, der sehr leise spricht – ist der authentisch? Oder ist es nicht viel authentischer in einer Situation laut und in der nächsten leise sprechen zu können? Du redest mit deinem Partner nachts im Bett i.d.R. anders als mit deinen Kunden. Das ist gut so.

ABER: Manche übertragen ihre privaten Stimmgewohnheiten und Sprechweisen auf ihre Podcasts, Webinare etc. Ein Graus. Das ist nicht authentisch. Das ist ganz einfach schlecht.

Was also ist authentisch für dich, für deinen Tribe, für die Zuhörerschaft vor der du (virtuell) stehst?

Was du tun kannst? Definiere deinen Rahmen! Vor WEM sprichst du WANN in welcher Situation? In welcher Situation sind deine Hörer während dessen? Wie kannst du ihnen daher begegnen?

7. Es ist egal, ob du authentisch bist. Wichtig ist, ob dein Tribe dich als authentisch wahrnimmt!

Das ist der wichtigste Punkt.

Authentizität wird IMMER inszeniert. Bewusst oder unbewusst willst du auf eine bestimmte Art und Weise wirken.

Wie es tatsächlich ankommt, das entscheiden deine Hörer.

Ich bin ein Fan von Podcasts, denn da bist du ganz auf die Worte und Stimme des Sprechers fokussiert. Kein Bild lenkt dich als Hörer ab.

Hör mal genau hin, welche Mittel Andere zur Inszenierung einsetzen: langes tiefes Ausatmen/ Seufzen/ Lacher … Dennoch kommen sie authentisch rüber (oder nicht).

Ich finde das völlig in Ordnung. Nur bitte, tut nicht so als wäre das nicht inszeniert! Es ist nicht privat.

Was du tun kannst? Hör dir andere Sprecher an. Wen findest du authentisch? Wen nicht? Warum jeweils? Achte genau auf die sprachlichen und sprecherischen Mittel, die der Sprecher benutzt. Was heißt das für dich?

 

8. Vergiss authentisch zu sprechen. Sprich persönlich. 

Warum wollen wir authentisch sein und authentisch ankommen? Um glaubwürdig zu sein.

Es geht um Glaubwürdigkeit, fachlich und menschlich.

Vergiss daher den Begriff authentisch.

Sei persönlich.

„Persönlich“ liegt auf einen Kontinuum zwischen professioneller Distanz und der Privatperson, die du bist. Wie einen Lautstärkeregler kannst du einstellen, wie viel Persönlichkeit du einbringen willst.

Außerdem:
Beim authentisch Sprechen geht es nur um dich. Das ist doch schade.

Persönlich sprechen stellt die Beziehung zu deinen Hörern in den Fokus.

Werde also persönlich.

Erinnere dich an „personare“. Was willst du von dir als Person hindurch klingen lassen?

Bist du überhaupt schon in der Lage, etwas hindurch klingen zu lassen?

Wirst du durch deine Stimme, Tonalität, Sprache, rhetorischen Mittel und Worte als Mensch für deine Hörer fassbar? Oder verhindert deine Sprechweise dies eher?

Was du tun kannst? Sprich FÜR deine Hörer. Sprich persönlich zu ihnen. Sei persönlich.

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Fazit:

Zurück zur Ausgangsfrage: Bist du noch authentisch, wenn du Stimme und Sprechen trainierst?

Ja.

Die Arbeit an dir als Sprecher bringt deine Sprecherpersönlichkeit zum Blühen. So erst kann deine Person (–> personare) durchklingen. Du wirst als Sprechender authentisch.

Wenn du dein Instrument bespielen kannst, machst du die Regeln und bestimmst, was und wie du dich zeigen willst.

Lern die Bandbreite deiner Töne kennen, um das Lied anzustimmen, welches für dich und zur Situation passt.

Ob dein Hörer dich dann auch als authentisch einschätzt, liegt in seiner Wahrnehmung.

Wie siehst Du das? Wann ist ein Sprecher für Dich authentisch? Wen findest du als Sprechervorbild authentisch? Wie wichtig ist dir Authentizität bei Anderen?

 

Bildnachweis: „Make-up“ by Zastavkin, canva.com

 

 

 

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Steffi Schwarzack

Als Auftrittsmentorin unterstützt Steffi Schwarzack Experten* mit Botschaft dabei, dieser Botschaft eine Stimme zu geben, so dass sie gehört wird - ohne Struggle wie Zittern oder Lampenfieber. 
* Als Kompromiss zwischen gendergerechter Ansprache aller Geschlechter und der Einfachheit im Sprechen & Lesen sind hier entsprechende Begriffe mit * gekennzeichnet.

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