ZDUS001: Wie wird man ein authentischer Sprecher?

ZDUS001: Wie wird man ein authentischer Sprecher?

Manche Leute glauben, dass authentisch sein und an sich und seinem Sprechen arbeiten sich ausschließen.

Dahinter steht die Angst, beim Präsentieren zu sehr zu schauspielern und damit nicht echt zu sein.

Doch das muss nicht SO sein, sondern ist wie beim Schminken alles eine Frage der Dosis. Reflektiere hier mit mir, wie viel Schminke du wählen willst.

 ÜBERBLICK: In dieser Folge erfährst du …

  • Wieso sich authentisch sein und an seiner Wirkung arbeiten nicht ausschließen.
  • Dass du auf Dauer nur authentisch sein kannst, WENN du an dir arbeitest.
  • Was Schminken mit authentisch Sprechen zu tun hat.
  • Was authentisch Sprechen eigentlich bedeutet.
  • Warum es sich komisch anfühlt, wenn man etwas Neues erlernt.
  • Was die 4 Stufen der Kompetenz sind und wofür du dieses Wissen gebrauchen kannst.

 

SHOWNOTES: Die Links zur Folge …

 

 

BLOGARTIKEL: Für Leseliebhaber …

 

Der Mythos der Authentizität

99 % meiner Kunden wollen authentisch rüberkommen. Das ist zuallererst mal ein Fakt.

Wenn Sie mit mir über das Thema Authentizität sprechen, dann meist aber im Zusammenhang mit einer Befürchtung: Sie haben Angst mit der Arbeit an sich selbst die Authentizität zu verlieren.

Es ist die Angst falsch, zu gekünstelt oder wie ein Schauspieler rüber zukommen.

Plötzlich sind sie im Konflikt zwischen: sich als Sprecher und Mensch entwickeln und dem Festhalten an dem IST-Zustand.

Doch es gibt ein SOWOHL ALS AUCH.

  • Du kannst authentisch sein UND an deiner Wirkung arbeiten. Das ist kein Widerspruch.
  • Im Gegenteil: ich glaube daran, dass Du erst wirklich du bzw. authentisch sein kannst, wenn du ein ganzes Spektrum an Verhaltensweisen (in unserem Fall an Sprechweisen/Stimmklängen) zur Verfügung hast. Sonst benutzt du nur einen Hauch von dem, was du bist. Sonst kannst du nur ein Lied spielen.
  • Und immer nur ein Lied in allen Situationen zu spielen – das ist NICHT authentisch.

 

Die Frage ist ja:

Willst du ein Maler sein, der nur Rottöne oder nur Blautöne zur Verfügung hat? Oder magst du alle Farben nutzen?

Ich mag‘s bunt und daher will ich dir zeigen, dass du erst mit allen Farben wirklich authentisch sein kannst. Wirklich du und wirklich frei.

Deswegen schauen wir uns drei Fragen an:

  1. Was heißt authentisch?
  2. Was heißt authentisch sprechen bzw. ein authentischer Sprecher sein?
  3. Kann man das werden wenn ja, wie?

 

1. Was bedeutet authentisch sein?

Authentisch stammt von dem Griechischen „authentikós“ ab. „Autos“ bedeutet selbst und „ontos“ sein. Selbst sein. Das ist die Definition. Aber was heißt das in der Praxis?

  • Wie musst du sein, um du selbst zu sein?
  • Wann bist du du selbst?

Wenn du deine Kinder ins Bett bringst? Wenn du deinen Podcast sprichst? Wenn du mit einem Freund in der Kneipe quatschst?

Wahrscheinlich bist du in JEDER dieser Situationen du selbst – und doch zeigst du je eine andere Facette von dir. Und ebenso klingen dein Sprechen und deine Stimme je etwas anders.

Zum Glück. Denn mit deinem „Ich halte einen Vortrag“-Ton werden deine Kinder wohl kaum in den Schlaf finden. 😉 Oder sie müssen lachen – denn genau das ist die Basis aller Komiker: eine bestimmte Verhaltensweise (und Sprechweise) auf einen Kontext zu übertragen, der eher ungewöhnlich ist.

Daher bedeutet für mich „authentisch sein“: mein Verhalten passt zu mir UND zur Situation.

 

2. Was ist ein authentischer Sprecher? Was bedeutet authentisch sprechen?

Ich höre immer wieder Sätze wie: „Ich bin halt so.“, „Meine Stimme ist eben so.“ o.ä. Die werden geäußert als eine Art Entschuldigung. Manchmal als eine Art Ausrede.

Ich erlebe diesen Menschen dann nicht als authentisch sondern als resigniert oder bequem.

Ich meine:

Authentisch sein zu wollen, ist keine Entschuldigung dafür an ungünstigen Angewohnheiten nicht zu arbeiten oder Veränderungen zu vermeiden.

Da gehe ich nicht mit.

Eine authentische Stimme beispielsweise ist für mich eine, die frei ist. Und eine Stimme ist frei, wenn Ihr alle Klangfarben zur Verfügung stehen, um sich in einer bestimmten Situation auszudrücken.

authentische Stimme = freie Stimme = alle Klangfarben stehen zur Verfügung 

Dazu ein Beispiel:

Wir alle kennen wahrscheinlich Menschen, die unangemessen laut reden, da wo es gerade Stille braucht. Und unangemessen leise, wo mehr Lautstärke gefordert ist.

Eine authentische Stimme dagegen zieht das entsprechende Register je nach Situation.

Ebenso wie die Stimme gilt dies m.E. für den gesamten Sprecher.

ein authentischer Sprecher = ein freier Sprecher

Frei meint hier im Sinne von: nicht Opfer eines Verhaltensmusters zu sein, was immer anwendet wird. Sondern der Sprecher hat viele Töne bzw. viele Farben zur Verfügung.

Er kann seine Leidenschaft angstfrei äußern, sein inneres Denken und innere Haltung hörbar und damit sichtbar machen, weil er die Werkzeuge dafür bewusst und adäquat einsetzen kann. Und das je nach Situation mit anderen Nuancen.

Im antiken Theater trugen die Schauspieler Masken. Ihre Mimik war damit nicht sichtbar. Die Gefühle und Emotionen der dargestellten Personen mussten zu 100% durch den Klang und die Körpersprache ihren Ausdruck finden. Eine fantastische Leistung.

Daher kommt auch das Wort „Person“ – es bedeutet „durch Klang“ bzw. „durchklingen“.

Wenn wir uns in unserem Business zeigen, dann geht es auch darum, dass wir uns als ganzer Mensch zeigen und unser Wesen durchklingen kann. Und dafür müssen wir frei sein – frei von inneren Blockaden, aber auch frei in unseren Muskeln.

 

Klang und unser Wesen sind aufs engste miteinander verbunden:

  • Durch Klang werde ich erst in meinem Wesen sichtbar –  bzw. hörbar. Das Äußere ist mehr noch Maske. Der Klang der Stimme vermittelt Charakter und dein wahres Inneres. Sprich, damit ich dich sehe! so soll Sokrates bereits gesagt haben.
  • Mit unserem Sprechen schließen Menschen automatisch auf unseren Charakter unser Wesen. Sie beurteilen in Bruchteilen von Sekunden, ob wir kompetent, selbstsicher oder sympathisch sind.
  • Anders als im antiken Theater vereinen wir immer verschieden Rollen in einer Person. So ist er erklärbar, dass verschiedene Arten je sehr authentisch sein können, wenn auch nicht überall passend.

 

Ein Beispiel:

Ein Kollege hatte mich gebeten, seine Stimme einzuschätzen und auf seinen Charakter zu schließen. Er wollte wissen, ob ich ihn für introvertiert oder für extrovertiert halte.

Er selbst empfindet sich als extrovertiert. Seine Sprechweise lässt aber vermuten, dass er eher introvertiert ist.

Wie ich (und andere) darauf kommen?

Das liegt daran, dass im Gehirn von Introvertierten der Parasympatikus aktiver ist. Das ist der Teil unseres vegetativen Nervensystems, der zuständig ist, zu beruhigen. So wird er auch als Ruhe- oder Erholungsnerv bezeichnet.

Genau dieser Teil innerviert aber auch unseren Kehlkopf und seine Muskeln! So ist es nicht verwunderlich, dass der Stimmklang auch davon beeinflusst ist. Je nach Grad der Aktivität des Parasympathikus klingt die Stimme dann eher ruhiger oder aktivierender. Und dies macht, dass wir auf den Charakter eines Menschen schließen.

Für meinen Kollegen war das ein großes Problem, da er diese Art von Rückmeldung schon öfter bekommen hatte. Ein Problem deswegen, weil es eben NICHT seinen Charakter widerspiegelt. Er fühlt sich extrovertiert, aber es ist wenig wahrnehmbar. So fühlt er sich verkannt.

Ist er mit diesem Sprechen also nicht authentisch?

Eine philosophische Frage, die ich hier nicht abschließend beantworten kann.

Ich glaube deswegen, dass wir uns dem Thema Authentizität aus einer anderen Perspektive nähern sollten.

 

Authentizität kann man aus zwei Sichtweisen betrachten:

Einerseits aus der Sicht des Sprechers. Andererseits aus der Sicht des Hörers.

Wenn wir da ansetzen, müssen wir fragen: Was ist für den Hörer authentisch? Und da sind wir bei der grundlegenden Frage nach der Zielgruppe.

Du kannst dich noch so authentisch fühlen, ob du auch als authentisch wahrgenommen wirst, dass liegt ganz allein in der Sicht des Hörers.

 

3. Wie wird man ein authentischer Sprecher?

Wenn ich mit Kunden an Ihrem Stimmklang arbeite, gibt es oft den Moment, dass sie plötzlich – für sie unerwartet – mit einer Resonanz und Fülle an Klang tönen.
Oft reagieren sie ganz schockiert: Was? Das ist meine Stimme? fragen sie dann ungläubig.

Wenn es dann darum geht, den neuen Stimmklang in den beruflichen Alltag mitzunehmen, da passiert der Konflikt.

Da ist ein Konflikt zwischen dem alten Bild von mir (ich klinge immer so) und der neuen Möglichkeit (ich kann auch so klingen).

Das ist ganz normal. Wir haben Gewohnheiten im Ohr. Wir hören uns seit 20-30-40 Jahre selber sprechen. Wir sind an diese Muster gewöhnt.

Das neue Stimmmuster klingt deswegen komisch bzw. einfach nur neu.

Zu tun hat das u.a. damit, wie Lernen/ sich Entwickeln generell funktioniert.

 

Die 4 Stufen der Kompetenzentwicklung

Beim Erlernen neuer Handlungsmuster durchlaufen wir nämlich verschiedene Phasen.

 

Phase 1. Unbewusste Inkompetenz

„Ich weiß nichts und ich weiß das nicht.“ könnte man diese Phase auch übertiteln. Wenn du beispielsweise nicht bewusst hast, dass du beim Sprechen viele „ähms“ machst, dann stört dich das auch nicht. Du bist in dieser Phase.

 

Phase 2. Bewusste Inkompetenz

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ meint, dass du darum weißt, dass du viele „ähms“ in deinem Sprechen benutzt. Aber lassen kannst du es dennoch nicht. Du kommst an dieses Muster einfach noch nicht ran.

 

Phase 3. Bewusste Kompetenz

„Ich weiß, dass ich es weiß.“
Das ist die Phase, wo man neue Dinge erlernt hat. Aber diese benötigen noch viel Aufmerksamkeit und Bewusstheit, um sie umzusetzen.

Wenn du z.B. ein neues Stimmmuster erlernt hast, dann kann es schon vorkommen, dass du dich in dieser Phase fragst: bin ich denn authentisch so? Das ist verständlich.

Doch das ist in dieser Phase nicht förderlich. Es ist wie, wenn ich mich frage, ob ich beim Autofahren, wenn ich den Motor abwürge, authentisch bin. Vermutlich ja, denn ich kann es gerade noch nicht besser. Aber ich will so nicht bleiben.

So ist es auch mit dem Stimmmuster. Zunächst stehen z.B. 2 Muster nebeneinander. Erst in Phase 4 verinnerlichst du sie so, dass sie sich normal und „echt ich“ anfühlen.

 

Phase 4. Unbewusste Kompetenz

„Ich weiß nicht, dass ich es weiß.“

Endlich hat das neue Wissen sich automatisiert. Dein neuer Stimmklang ist normal für dich. Du denkst nicht mehr darüber nach, was du da tust und hast (gedanklich) Zeit, dich anderen Dingen zu widmen.

 

Ein authentischer Sprecher wird man nun also, indem man lang genug übt – und zwar so lang bis sich Automatismen bezüglich des neuen Verhaltens bilden.

Im Schauspiel gibt es diesen Spruch: Wie lange hast du geübt um authentisch zu sein? Der zeigt genau dieses Phänomen auf.

 

Noch ein paar Gedanken zum  authentisch Sprechen

 

 

Authentisch wirst du, wenn du andere imitierst:

Das ist jetzt überspitzt. Doch die Essenz stimmt. Was meine ich damit? Es geht ja immer darum: Finde deine Stimme, finde deinen Stil.

Seinen Stil kann man aber erst finden, wenn man generell mal verschiedene Stile ausprobiert hat. Da sind wir wieder bei den Malern.

Große Künstler haben ihre Lehrmeister immer wieder kopieren. So haben sie deren Stile gelernt und dann erst konnte sich auf dieser Basis ihr eigener Stil entwickeln.

Manche haben sich nur in Nuancen gewandelt und andere haben sich sehr brüsk abgewandt von ihren Lehrmeistern.

Pablo Picasso hat diesen schönen Spruch geprägt:

Ich konnte schon früh zeichnen wie Raphael, aber ich habe ein Leben lang dazu gebraucht, wieder zeichnen zu lernen wie ein Kind.

Und das ist oft so, wenn Leute zu mir kommen, die 30 40 50 Jahre alt sind. Die sind schon geprägt. Sie kommen nicht mit ihrer originären Stimm- und Sprechweise, die sie als Kind hatten. Es geht letztlich oft darum, wie sie vom Raphael wieder zum Picasso werden. 🙂

Austin Kleon beschreibt dazu ein kleines Kapitel in seinem Buch „Alles nur geklaut“. Im NLP gibt dazu das so genannte Modelling.

Wie kann das fürs Sprechen gehen? Hier 3 Schritte:

 

Authentisch sein und doch besser werden

1. Such dir ein Vorbild: Beobachte genau, was macht dein Vorbild stimmlich (wie hoch tief laut leise) oder sprecherisch (aufbau der Rede, Stilmittel, Interaktion mit Publikum)?

2. Modelliere/ Imitiere: Du musst es mit deinem Körper mit jeder Zelle fühlen, was macht der/ die da?

3. Variiere: Verändere. Nimm das raus, was dir liegt und den Rest lass weg.

 

Die Antwort auf die Ausgangsfrage: Wie wird man ein authentischer Sprecher? heißt also:

Probiere erstens verschiedene Stile aus. Und übe dann zweitens so lange, bis es sich normal anfühlt.

 

Noch einen dritten und letzten Gedanken:

Mit der Authentizität verhält es sich ein bisschen wie mit dem Schminken.

Die hast einige Varianten zur Verfügung.

  • Du kannst ungeschminkt und nackt ankommen. = Du bist ganz privat unterwegs.
  • Du kannst in verschiedenen Nuancen geschminkt sein.
  • Du kannst fast maskenhaft angemalt sein. = Du bist wie im Schauspiel verkleidet unterwegs.

 

Authentizität ist ein Kontinuum zwischen den Polen „privat“ und „Schauspiel“.

Wie weit darf die Selbstoptimierung gehen? Wie viele (akustische und rhetorische) Schönheits-OPs halte ich und hält mein Publikum aus, so dass sie mich darin noch erkennen? Einiges dazu beschreibe ich in diesem Artikel.

Hier um es kurz zu machen die Lösung dafür:

Sei persönlich.

„Persönlich“ liegt auf einen Kontinuum zwischen professioneller Distanz und der Privatperson, die du bist. Wie einen Lautstärkeregler kannst du einstellen, wie viel Persönlichkeit du einbringen willst.

 

Fazit

Die Frage war: Kann man authentisch sein und an seiner Sprechwirkung arbeiten?

Authentisch sein heißt echt sein. Echt werde ich aber erst durch Übung und indem ich das ganze Spektrum der Farbtöne zur Verfügung habe. Dafür ist es ok, erst mal Dinge zu tun, die andere auch tun.
Erst in einem späteren Schritt geht es darum, seinen Stil in der Fülle der Möglichkeiten zu finden.

Ich hoffe, ich konnte dir ein Gefühl von Sicherheit geben, dass Arbeit an Sprechen und Stimme weder aufgesetzte Techniken sein müssen, noch dass man damit sich selbst verliert.

 

Mein zeig dich & sprich -Tipp:

Wenn du etwas Neues lernst und sich das zunächst nicht komfortabel anfühlt, dann mach diese eine Sache 100 mal. Erst danach entscheide, ob es zu dir passt oder nicht.

In diesem Sinne.

Werde authentisch und zeig dich und sprich.

Deine Steffi

2 Kommentare

  • Hi Steffi!

    Grandioser Podcast! Tolles Thema! Tolle Stimme!
    Ich bin begeistert — habe mir jetzt alle Folgen bis 004 angehört und bin sehr begeistert, wie man sieht ;-)
    Gerade die Folge finde ich klasse, weil sie auch so gut zu meinem SichtbarkeitsThema passt.
    Wie du es schon durchklingen lässt: Man kann authentisch sein nicht wirklich lernen man kann aber "entlernen" unauthentisch zu sein. Finde ich einen ganz wichtigen Punkt. Das englische "unlearn" trifft das hervorragend.

    Freue mich auf meeeeehr!

    Liebe Grüße,
    Frank
  • Lieber Frank,
    vielen Dank für DEIN Feedback als Sichtbarkeitsexperte. Das bedeutet mit viel. Es kommt mehr. Heute gerade wieder aufgenommen. Aber ich erwarte das auch von dir! Wann darf ich weiterhören? ;) Lieben Gruß! Steffi

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Steffi Schwarzack

Als Auftrittsmentorin unterstützt Steffi Schwarzack Experten* mit Botschaft dabei, dieser Botschaft eine Stimme zu geben, so dass sie gehört wird - ohne Struggle wie Zittern oder Lampenfieber. 
* Als Kompromiss zwischen gendergerechter Ansprache aller Geschlechter und der Einfachheit im Sprechen & Lesen sind hier entsprechende Begriffe mit * gekennzeichnet.

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